Schwitzen in Montevideo am Mittwoch dem 5.3.2025
Es ist heiß! Ich schlafe hier immer mit offenem Fenster und habe auch die Vorhänge offen, damit es schön hell ist. Heute ist das anders. Draußen sind es 35° und speziell morgens steht die Sonne voll auf meinem Fenster.
Nach dem Frühstück laufe ich los zum bäuerlichen Markt. Das ist eine Strecke quer durch die Stadt und führst durch die nicht so attraktiven Viertel. Das ist das ganz normale Leben hier: kleine Läden, Werkstätten, Menschen, die herumhasten und der offensichtlich normale Verkehr in dieser Großstadt. Es gibt hier nichts spannendes, aber ich finde es immer wieder hochinteressant, normales Leben in andere Ländern zu sehen.
Ich komme an einem Haus vorbei, vor dem einige ältere Leute auf Stühlen sitzen. Offensichtlich ein Altenheim. Alle Leute schauen mich an und ich deute mit einem Nicken einen Gruß an. Sofort kommt ein freundliches und förmliches „Buenos Dias Senior“ zurück. Das sind immer so Kleinigkeiten auf Reisen, die mich sehr berühren.
Als ich an einem Gebäude der Universität vorbeikomme, stehen da auf einer Treppe mehrere Studenten, die sich stolz mit irgendeinem Schriftstück in der Hand fotografieren. Entweder ist es eine bestandene Klausur oder sogar das Examen. Mein Abschluss ist nicht so lange her, dass ich nicht nachvollziehen könnte, wie sehr sich die Leute darüber freuen.
Der bäuerliche Markt ist eine Falle. Es ist eine wunderschöne alte Halle, aber die Bauern, die hier früher gehandelt haben, sind jetzt eher gegen Bauernfänger ausgetauscht worden. Es sind viele kleine Shops mit Gegenständen, die oft von Touristen gekauft werden. Dazu eine Unmenge von kleinen Imbissbuden, die die unterschiedlichsten Speisen verkaufen. Und natürlich strömen auch viele Touristen hier durch. In einer Ecke des Marktes finde ich einen Ta-Ta Supermarkt. In dem ist es schön klimatisiert und ich kaufe mir ein Stück Brot und setze mich gemütlich auf einen der Stühle in dem Foodcourt.
Mein anschließender Überfall auf das Regierungspräsidium hat leider nicht geklappt, Einlass. Erst ab 15:00 Uhr. Schade, weil das Gebäude von außen schon sehr beeindruckend aussah.
Nun wollte ich zum Theater und dabei stellte sich die Frage, ob ich da mit dem Bus hinfahre oder zu Fuß gehe. Zu Fuß gehen bei 35°? Aber sicher, leider bin ich verrückt genug das zu tun. Kurz vor dem Theater kam ich an einem Markt vorbei und kaufte mir 1/2 l Flasche Gatorate, für die ich dann in den nächsten 5 Minuten aber auch nur drei Züge brauchte. Jetzt habe ich wieder genügend Vorrat zum ausschwitzen. Aber, was soll ich sage: das Theater öffnet auch erst um 16 Uhr. Bad Luck!
Nachster Programmpunkt war das Pittamiglio Kastell.
Anfangs hatte ich Schwierigkeiten, dieses Kastell zu finden. Eigentlich muss das doch groß sein und irgendwo prominent auf einem Hügel sein oder sowas.
Hier in der Gegend aber waren nur moderne Häuser von den reichen Bewohnern von Montevideo. Und dann entdeckte ich diesen skurrilen Bau zwischen den anderen Häusern; was das wohl werden sollte.
Ich bin also in dem Kastell des Alchimisten Pittamiglio gelandet. Er hat das Haus gebaut Anfang des letzten Jahrhunderts und hat auch darin gelebt. Viele Elemente in den Räumen und auch die Mosaiken oder Deckengestaltungen haben esoterische Hintergründe. Bis in die Achtzigerjahre hat seine Familie hier gelebt und seitdem ist es ein Multi-kulturelles Zentrum und Museum geworden.
Das Gebäude ist sehr unwirklich. Es sind unterschiedlichste Materialien, verbaut worden und an Stellen ist es ziemlich dunkel. Es gibt gerade Wände, aber nicht viele. Oft ragen irgendwelche Rundungen oder kubische Körper in den Raum und das ganze Gebäude eignet sich gut zum Verlaufen. Fast in jedem Raum gibt es irgendeine Projektion, sei sie an die Decke gerichtet oder oft auch gegen hauchdünne Vorhänge, so dass sie wie virtuell im Raum stehen. Es sind Gegenstände, aber auch Personen und Figuren: alles sehr surreal.
Die Räume sind so verschachtelt, dass ich hier auf keinen Fall bekifft durchlaufen will. Das könnte zum Horrortrip ausarten.
In den einzelnen Räumen gibt es iPads, die ein wenig erklären, wo man gerade ist und was man gerade sieht. Hier im Zentrum des Kastells spricht man auch ganz offen von dem Labyrinth, d.h. meine Orientierungslosigkeit war durchaus gewollt.
Oft ist man auch nicht sicher, ob man einen Spiegel sieht oder ob man durch ein Fenster in einen anderen Raum sehen kann.
Überall sind Kamine, in die man Displays mit einem Kaminfeuer gestellt hat. So wie ich erfahren habe, ist das Feuer ein wichtiges Symbol in der Alchemie.
Es ist alles sehr surreal und unwirklich. Ich weiß, dass das eine Tautologie ist, aber anders weiß ich nicht, wie ich ausdrücken soll, dass es mehr als unwirklich ist.
Etwas seltsam finde ich auch, dass in den beiden Badezimmern jeweils die Toiletten mit Panzerband verschlossen worden sind. Da man bekanntlich nur aus Schaden klug wird, befürchte ich, dass das tatsächlich einen Grund hat.
Ich habe versucht, viele Aufnahmen von den Räumlichkeiten zu machen, aber es ist vergeblich. Die relativ geringe Größe der einzelnen Räume lässt vernünftige Aufnahmen nicht zu und auch das Licht ist nicht so toll. Das ganze wirkt wirklich nur, wenn man es sieht und wenn man dadurch geht. Eine unglaubliche Erfahrung .
Aus Spaß habe ich einmal in dem relativ kleinen Bau die Türen auf nur einer Etage gezählt. Es waren 19!
Oft sind es auch optische Täuschungen, die verblüffende Effekte generieren.
Ich habe, wie gesagt, wieder mal viel zu viele Fotos gemacht von Dingen, die man nicht auf Bilder bannen kann, sondern die man gesehen haben muss.
Natürlich kann ich mit dieser ganzen Esoterik nicht viel anfangen und auch am Anfang der Ausstellung, als ich die Darstellung der verschiedenen Sternzeichen sah fiel mir dann der alte Kalauer über Sternzeichen wieder ein: wenn mich einer fragt, wie mein Sternzeichen sei, sage ich gerne: Gemini. Was bedeutet Gemini? Gemini auf den Geist mit deinen Sternzeichen…😄
Pittamiglio War Zeit seines Lebens auf der Suche nach dem „Philosopher’s stone“, das ist der mystische Stein, mit dem man aus Blei Gold machen kann. Es gab auch Vertreter der Zunft, die glaubten, dass man mit dem Stein unsterblich werden und / oder Tote wieder aufwecken könnte.
Es war, wie gesagt, eine irre Erfahrung. Und irre war Pittamiglio ganz gewiß!
Ich wäre schon daran interessiert, wenn er meine Steuererklärung erstellen könnte.
Ein anstrengender Tag. Heiß! Morgen geht es weiter. Ich habe die Hitze heute noch (obwohl es noch nicht nötig war) als Waschtag genutzt. Bei dem Wetter trocknen die Sachen innerhalb von ein paar Stunden. Muss man ausnutzen!
Das Schloss hat etwas Mysteriöses an sich.
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