Dienstag, 1.4.2025 Regen

Beim Frühstück treffe ich hier immer einen netten Herren, der mir schon ein bis zweimal geholfen hat, wenn ich wieder Dinge nicht verstanden habe. Heute sind wir länger ins Gespräch gekommen. Er hat mir viel erzählt von der momentanen Lage hier in Bolivien und vom Leben in diesem Land. Er ist Ingenieur und arbeitet mit einer holländischen Firma zusammen und hat auch zehn Jahre in Holland gelebt. 

Er erzählte mir auch von den unglaublichen Treibstoffproblemen, die es hier gibt. Diesel ist so gut wie nicht mehr verfügbar und auch Benzin ist sehr knapp. Die Landwirte betreiben ihre Maschinen überwiegend mit Diesel und so kann die Ernte nicht verarbeitet werden.


Ich hatte zufällig vor ein paar Wochen schon einen Bericht über diese Probleme gefunden und hatte ihn für Fake gehalten. Leider scheint er wieder Realität zu sein. Der Bericht selber ist aus dem vergangenen Jahr, aber er lässt ahnen, worum es geht. Nächstes Jahr sind hier Präsidentschaftswahlen, und mein Gesprächspartner meint, dass die Menschen hier wahrscheinlich die falsche (Republikaner) Partei wählen. Kommt mir bekannt vor. 

Es war ein sehr spannendes Gespräch und er war auch neugierig über Deutschland und die ganze Situation in Europa im Moment.

Er ist geschäftlich hier und bereitet gerade den Besuch von mehreren Holländern hier im Lande vor. Ein sehr netter Kerl und es sind dann doch immer die Begegnungen, die so eine Reise die Würze geben. 


Weniger schön ist allerdings, dass es regnet. Es ist kühler geworden und leichter Regen fällt, während der Wetterbericht nur von Bewölkung spricht. Aber was weiß der schon.








Vertrauenerweckende Instrumente



Der Regen war leider nicht so schön, aber ich bin trotzdem runter zur Plaza gegangen und habe dort das anatomische Museum (Museo Anatomis Humana) besucht. 


Ich hatte das Museum gestern entdeckt, aber die Aufpasserin hatte mir den Eintritt verwehrt und darauf verwiesen, dass erst wieder ab 8:30 Uhr morgens geöffnet sei. Okay. Als ich dann heute kam, war die Eingangstüre offen und ich bin erst mal reingegangen. Aber dann kam die Aufpasserin und bedeutete mir, wieder rauszugehen. 


Ich sollte mich an das Kassenhäuschen stellen. Das tat ich dann, und sie schob mir ein Buch und einen Kuli rüber, mit dem ich mich dann registrieren sollte. Als ich das tun wollte, zog sie das Buch wieder weg und sagte, dass ich erst zahlen solle. Komplizierte Prozedur. Als ich das dann alles erledigt hatte, durfte ich da, wo ich eben schon mal reingegangen war, das Museum betreten.






….Schreibmaschine…die Älteren erinnern sich…

Bausatz



Es ist ein sehr altes, sehr kleines Museum und eine recht alte, sehr kleine Frau passt auf, dass nichts wegkommt. Wie man es erwarten kann,ist es ein sehr gruseliges Museum und die Ausstellungsstücke können einen das fürchten leeren. 


Bei manchen der Ausstellungsstücke bin ich mir nicht sicher, ob sie künstlich hergestellt worden sind oder ob es echte Fundstücke sind. Die Gerippe scheinen auf jeden Fall echt zu sein. Vor allem weil viele Dinge sehr alt sind, wirkt es doch sehr morbide.

An einem der Ausstellungsstücke, offensichtlich ein Kind oder ein Baby, stand als Bezeichnung: Kadaver. Auch nicht nett. 


Es gibt auch eine schöne Darstellung des Beckens, an der ich meinen Beckenbruch vor vielen Jahren gut nachvollziehen kann. Viel Wert wurde bei den Ausstellungsstücken auch auf ungewöhnliche Abweichungen von der Norm gelegt. Das machte das Ganze noch mal eine Spur gruseliger.










Es gibt ein paar Exponate, die liegen in Flüssigkeiten, da will ich gar nicht erst wissen, was es eigentlich ist. 

Ein wahres Gruselkabinett. 

Und während ich durch die Ausstellung gehe, höre ich im Hintergrund die Wärterin auf einer alten, mechanischen Schreibmaschine tippen. Ein Geräusch, dass mir zum letzten Mal beim Schreiben meiner Diplomarbeit untergekommen ist.


In einer anderen Vitrine werden Föten von kleinen Kindern ausgestellt, gestaffelt nach ihrem Alter. Es fängt an mit vier Wochen und dann bis zu einer Größe von circa 20 cm. Da sie allesamt im Flüssigkeit liegen, fürchte ich, dass es keine künstlichen Gegenstände sind.






Es ist ein fantastisches Erlebnis. Natürlich ist es nicht so professionell, wie ein anatomisches Museum, dass ich mal in Bangkok gesehen habe. Dort wurden reihenweise Original - Siamesische Zwillinge in irgendwelchen Flüssigkeiten ausgestellt, und auch sonst wurde überwiegend mit natürlichen Exponaten gearbeitet. 


Aber vielleicht ist es diese geringere Professionalität, die den Charme dieses kleinen Museums ausmacht. Ich hatte hier eine verdammt gute Zeit!


Bevor ich ging, bedanke ich mich bei ihr noch mal, und als ich das Museum verlassen hatte, wurde hinter mir auch sorgsam abgeschlossen.


Danach ging ich dann durch die auch heute sehr volle Stadt zum Mercado Central. Die Luftverschmutzung in den engen Straßen ist wirklich übel. Die PKW sind meist ziemlich alt und von Katalysatoren hat man hier wohl noch nicht gehört. Die Micro-Busse sind aber die Schlimmsten. Sie drehen den Motor oft sehr hoch und stoßen sichtbar Unmengen von Abgasen aus.






Den vielen Fußgängern, die hier außerdem unterwegs sind, scheint das nichts auszumachen. Leider hat sich hier auch der Irrglaube verbreitet, dass alles schneller geht, wenn man nur lange anhaltend hupt. Allerdings sind die Leute hier auch teilweise sehr schmerzfrei. Auf eine einspurigen Straße halten Sie an, springen kurz aus dem Auto und kaufen eine Empenada am Straßenrand. Cool!


Der Markt ist auch sehr sauber, aber auch insgesamt ordentlicher als der Markt gestern. Alles ist wieder nach Warengruppen sortiert und es gibt viele kleine, nennen wir es mal Kabinen, in denen die Leute ihre Ware verkaufen. Als ich durch die Comida gehe, höre ich von allen Seiten die Rufe: Amigo! amigo! 


Es ist im Grunde genommen ein foodcourt und viele kleine Küchen verkaufen ihr Essen. Das Interessante ist, dass eigentlich alle die gleichen Gerichte verkaufen: Sopa de Mani, Chorizo und Mondongo. 








Unzählige Kartoffelsorten



Aber es ist alles sehr sauber und sieht auch gut aus. Zufällig entdecke ich auch eine kleine Kapelle, die zum Markt gehört. Sehr schlicht und irgendwie niedlich. Es gibt noch eine zweite Comida, auch sehr groß und sehr sauber, und es werden exakt die drei gleichen Gerichte verkauft wie in der anderen. Es ist immer sehr schön, dass auf den Schildern einerseits die Gerichte stehen, andererseits aber auch die Namen der Kochenden.






Die drei populären Gerichte sind natürlich die Suppe von gestern, die ein Nationalgericht ist. Dann gibt es noch Mondongo, da ist eine Maispampe mit Schweinefleisch. Wobei das Schweinefleisch sehr lecker aussieht und dann gibt es noch Chorizo, das ist eine Wurst, die allerdings unglaublich fettig aussieht. Sieht so aus, als ob ich eine Suppe esse.


Was hier auch immer sehr genial ist, sind die Stände mit den Fruchtsäften. Der Saft wird frisch gemischt, man kann auf die verschiedenen Früchte zeigen, die man haben will und kann entscheiden ob man es nur als Fruchtsaft haben will oder mit Wasser gemischt oder mit Milch. 






Mit Milch finde ich am leckersten und auch heute kehre ich hier wieder ein. Es gibt auch einen Fruchtsalat, der ebenfalls sehr lecker aussieht. Die Frau, die meinen Fruchtsaft zubereitet hat, hat tatsächlich mehr gemacht, als in ein Glas reinpasst und so bekomme ich fast zwei Gläser von dem leckeren Zeug. 


Zwischenzeitlich hat der Regen aufgehört, aber die Sonne will sich nicht so recht sehen lassen. Insgesamt ist es okay, nur meine Füße sind leider nass geworden und jetzt etwas kalt. Ich werde ein bisschen laufen müssen.






Nach dem Saft gehe ich in die Comida zurück und die ist brechend voll. Ein Mann mit einer mit einem Akkordeon spielt Musik und es ist eine tolle Stimmung. Ich setze mich an an der Tische, wo noch ein Sitz frei ist und bestelle eine Sopa de Mani. Die Frau, die mir gegenüber sitzt, hat mich dann ermutigt, etwas von dem grünen Zeug in meiner Suppe zu tun, dass hier immer auf den Tischen steht. Ein kleines bisschen, sagte sie und ja, es war sehr spicy. 








Die Suppe von heute war vielleicht sogar noch einen Ticken besser als die von gestern, und auch der Knochen war größer. Fleisch braucht es eigentlich dazu nicht. 

Als ich fertig bin, frage ich mich, ob der Knochen wohl in den Abfall kommt, oder ob er noch mal eine Runde in der Suppe drehen muss? Aber eigentlich will ich das nicht wissen.




Ist ein leckerer kleiner Snack, um über den Tag zu kommen. Am Schluss habe ich dir noch ein Foto mit unserer Köchin machen können und das war ein guter Abschluss. 

Wenn ich den Markt von gestern mit dem von heute vergleiche, so war der Markt selber gestern natürlich viel größer und viel bunter. Und ein bisschen wilder. Der heutige Markt besticht durch seine Comidas. Das war wirklich großartig und Essen und Trinken gehörig ja dazu. Fruchtsaft umgerechnet 1,50€, Suppe 1,10€


Ich gehe immer recht unbefangen auf Friedhöfe, weil sie tatsächlich oft sehr schöne ruhige Orte sind. Natürlich ergreift mich das immer sehr, wenn man Geburts- und Todesdaten sieht, die nicht richtig   erscheinen. 






Ich habe mal ein Gedicht gelesen, in dem die Frage gestellt wurde, ob man traurig ist darüber, dass jemand gestorben ist oder ob man sich vielleicht freut, dass man ihn gekannt hat. Eine interessante Frage. 


Vor einigen Jahren bin ich mal mit einem Freund aus dem asiatischen Kulturkreis auf einem Friedhof in Düsseldorf gewesen, weil da besonders schöne Grabmäler waren und ich habe schnell gemerkt, dass er sich total unwohl fühlte. Er sagte mir hinterher auch, dass das ein Ort wäre, wo seine Landsleute nicht hingehen. Natürlich spielen da auch Geister eine Rolle, aber davon bin ich zum Glück frei.


Das Wetter tut mir den Gefallen und schickt zumindest vorübergehend die Sonne ein bisschen raus. Es wird schnell angenehm warm, vielleicht 18° und so kann man es gut aushalten. Ich mache mich auf den Weg zum zentralen Friedhof. Ich will schließlich wissen, wie man hier in der Hauptstadt damit umgeht. Und es wirft mich um! 


Schon der Eingang ist nichts für arme Leute. Und wie die Menschen so versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Zugegeben, so etwas habe ich noch nicht gesehen. Hier kann man schön sterben. 












Dagegen kommen mir die von mir despektierlich als Schließfächer (Kolumbarien, ich habe nachgeschaut) bezeichneten kleineren Grabstätten wie Plattenbauten vor. 










Wobei ich mir vorstellen kann, dass auch diese Kolumbarien eine Menge Geld kosten. Aber es ist ein sehr schöner, sehr ruhiger Ort, nur unermüdliche Vögel singen und die vielen Bäume sorgen auch für ein angenehmes Klima, wenn die Nachkommen ihre Lieben besuchen. 


Es gibt auch einen kleinen, jüdischen Teil, der aber abgesperrt ist.




Die Vielfalt ist beeindruckend. Die Kolumbarien haben oft eine Glasscheibe, und dahinter sieht man die Beigaben. Ich entdecke eine kleine Puppe, die Solar gespeist, hin und her wackelt. Hier entdecke ich zwei kleine Schnapsfläschchen mit einem Glas davor. (das habe ich mehrmals gesehen) und was ich auch ganz allerliebst finde: eine Dose Energy Drink. 








Eines der Kolumbarien hat eine fast runde Türe, die mich (ich entschuldige mich hiermit) ein wenig an eine Waschmaschine erinnert. 




Sehr anrührend finde ich hingehen einen recht großen Kinderfriedhof. Das sind ganz normale Erdgräber, wie wir sie auch kennen.


Kinderfriedhof

Dann ertönt schmissige Musik. Bläser und Trommler ziehen den Weg entlang, allen voran ein Auto mit dem Verstorbenen, danach die Trauergemeinde. 






Die Musik wirkt fast fröhlich, aber den Menschen sieht man die Trauer an. Die Kapelle trägt Uniformen, ich denke, es ist eine Polizeikapelle. 


Dann finde ich noch ein großes Mausoleum, in dem innen drin viele dieser Kolumbarien sind. Es scheint irgendwie einer Transport Gewerkschaft oder Transportgesellschaft zugehörig zu sein. In eines der Schließfächer, das leer ist, kann ich hinein sehen und von der Größe her würde ein Sarg da leicht reinpassen.




Ein anderer Bereich umfasst mehrere dreistöckige Gebäude mit Kolumbarien und laut Beschreibung ist das der Bereich, wo die Opfer von COVID beerdigt wurden. 




Ich treffe auf eine andere Wand mit Kolumbarien, und auch hier sind es Kindergräber. Man sieht es an den Spielzeugen und teilweise stehen dort auch Geburts- und Todesdaten dabei von den kleinen, die es nicht geschafft haben. 




Ich gebe zu, die frische Beerdigung, die gerade hier stattgefunden hat, die Kindergräber und auch der große Bereich der COVID - Opfer macht einen schon sehr traurig.


Sicher finde ich diesen in meinen Augen übertriebenen Prunk bei den großen Mausoleen sehr übertrieben. Auf der anderen Seite muss jeder damit umgehen, wie er kann. Aber dieser sehr gepflegte Friedhof ist ein schöner Ort voller Frieden.


Nach einem sehr leckeren Cappuccino in meinem Lieblingscafé an der Plaza bin ich noch ein wenig durch die Altstadt spaziert und habe mich in dem Chaos treiben lassen. Dann als letzten Programmpunkt bin ich noch in die Kirche des heiligen Franziskus gegangen.












Sie stammt aus dem Jahr 1538, wurde aber dann 1925 komplett restauriert. Damit ist sie vom Ursprung hier circa 30 Jahre älter als die hiesige Kathedrale. Es ist ein sehr großes, aber auch sehr dunkles Gotteshaus mit einem unglaublich prächtigem Altar. Eine schöne Kirche, aber diese Dunkelheit gefällt mir nicht.


Damit geht wieder ein schöner Tag zu Ende, bis auf heute Früh hat das Wetter gut durchgehalten, was will man mehr. 












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