Donnerstag, 3.4.2025 Mercado de los Mineros

Gestern Abend war es hier leider nicht nur schweinekalt, sondern es hat auch Hunde und Katzen geregnet. Mein alter Regenponcho wird mich dann auch heute verlassen. Er ist an den Nähten trotz Versiegelung (ist aber wahrscheinlich auch schon 15 Jahre her) total undicht. Auf 100m Strecke zum Restaurant bin ich ziemlich nass geworden. 


Heute früh habe ich mir dann Kaffee gemacht. Ich habe kleine Portionsbeutel und die waren durch die Höhe knallhart aufgebläht. Es sind 5 Grad (8:00 h), aber momentan scheint die Sonne und es ist leicht bewölkt. Mit etwas Glück kann ich  heute mit 13 Grad rechnen.


Mein ursprünglicher Grund, hierher zu kommen, war ein Besuch der Minen. Es gibt Führungen und man kann die Bergleute bei ihrer Arbeit tief im Berg besuchen. Oft sind es ehemalige Minenarbeiter, die diese Führungen machen. Das hörte sich sehr spannend an und war spontan was für mich. 


Na gut, die Stollen sind nicht professionell abgestützt und ja, es wird unter Tage gesprengt. Ach ja, es ist viel Asbest im Stollen und es geht teilweise 3-4 km in den Berg. Siliconstaub und arsenisches Gas und Dämpfe von Acetylen sind gemessen worden. 




Normalerweise geht man erst auf den „Miners Market“ und kauft dort Zigaretten, Schnaps und Dynamit als Geschenk für die Bergleute und dann geht es in die Stollen. 


Das wäre soweit für mich in Ordnung gewesen, aber die Auskunft, die ich in einem Forum bekommen habe, hat mich dann abgehalten. Die 3-4 stündige Runde findet überwiegend in gebückter Haltung statt und große Strecken auch kriechend. Dabei geht es durch Steine und Schlamm. Und: man muss zurück! 

Das war mir dann doch zu viel. Deshalb dachte ich: ich fahre da mal hin, nehme die Stimmung auf und suche hinterher nach Videos auf Youtube und schaue mir das da an.


Mein erster Weg soll mich zum Markt der Bergleute führen. Es sind ungefähr 1,5 km und etwas über 100 Höhenmeter. Ob es hier ein Taxi gibt? Klar! Gibt es hier einen Bus? Ja auch das. Und was mache ich Idiot: ich will die Stadt sehen. 


Trotz der niedrigen Temperaturen gehe ich im Sweatshirt und ziehe nicht meine Jacke an. Die rote Jacke, die ich jetzt die ganze Zeit mit mir rumtrage und die wahrscheinlich auch bis zum Ende der Reise meine Tasche füllen wird. Aber das hat sie schon oft gemacht. 










Nach ein paar 100 m möchte ich am liebsten das Sweatshirt auch noch ausziehen, aber das T-Shirt da drunter ist schon ziemlich verschwitzt. Je höher man kommt, umso schöner wird natürlich der Blick über das Tal und ich freue mich darauf, wenn ich auf dem Rückweg das ein bisschen relaxter betrachten kann. 




Es sind enge kleine Straßen und natürlich fällt das Atmen schwer, aber es wird noch ein bisschen schwieriger durch die Abgase der Busse, die hier im ersten oder im zweiten Gang mit 5000 Umdrehungen hochdonnern und dabei Unmengen von Abgasen ausstoßen. Je weiter ich nach oben komme, umso häufiger werden meine Pausen. Man will sich ja schließlich auch mal umsehen! 😄

Und dann habe ich es geschafft. Ich sehe eine kleine Straße mit ein paar Buden und nachdem ich so 5 Minuten hin und her gelaufen bin, befürchte ich, dass das alles war. Neben den üblichen Ständen gab es aber auch mehrere Shops mit Werkzeugen und Materialien, die man so im Stollen brauchen kann.










Ich frage dann auch noch einen der Marktteilnehmer und er sagt: ja das hier ist der Markt der Bergleute, der Mercado die los Mineros. 

Okay, dann scheint es den nicht mehr zu geben beziehungsweise nicht so in der Form wie er früher mal war. Wie es aussieht, werde ich ohne Dynamitstange und ohne 96-prozentigen Alkohol nach Hause fahren. Vielleicht hat das ja auch was Gutes!






An mehreren Laternenpfählen sind Puppen aufgehängt. Sie haben alle ein Schild um den Hals, und auf einem steht „Gefangen genommener Verbrecher wird verbrannt“, auf einem anderen „Warnung: Jeder beim Stehlen erwischte Dieb wird lebendig verbrannt, weil die Polizei nichts unternimmt.“ offensichtlich versteht man hier keinen Spaß.







An einem kleinen Shop sehe ich dann Leute stehen, und einer von Ihnen hielt eine Stange in der Hand. Offensichtlich ein Guide mit seinen Kunden, der zeigt, wo man wahrscheinlich früher Dynamit kaufen konnte. Wie es scheint, ist es eine Dynamitstange mit einer langen weißen Zündschnur dran. Zu verkaufen war sie aber wohl nicht. Die anderen Touristen wollen ja auch was sehen.




Und wieder ignoriere ich die Busse, auf denen „zentraler Markt“ steht und gehe langsam wieder runter. Es gibt einen kleinen Platz, da ist die Aussicht wirklich fantastisch aber es ist zu dunstig, um davon einen vernünftiges Bild zu machen. 


Das Bergabgehen ist aber auch nicht viel leichter als das bergaufgehen. Es ist schon ziemlich steil und meine Knie mögen das bergabgehen nicht so furchtbar gerne.

Als ich an einem Bus vorbeikomme, der mit geöffneten Türen am Straßenrand steht, sehe ich darin lauter Bergleute. 

Alle mit Helm und Schutzbrille. Aber auf dem zweiten Blick sehe ich, dass es überwiegend jüngere Leute sind und dass sie auch gar nicht so sehr bolivianischer aussehen. Offensichtlich eine Reisetruppe, die sich aufmacht, in den Berg zu gehen.









Später komme ich an einer Polizeiabsperrung vorbei. Und dann erkenne ich, hier findet ein Rennen statt. Es sind 10 bis 15-jährige Kinder, manche noch etwas jünger und zwischendurch sehe ich eine Startnummer, die größer als 800 ist. Es sind nur Jungens und sie laufen wirklich mit großem Elan durch diese Gegend, durch die ich eher schleiche.


Vor dem Polizeipräsidium ist auch was los. Viele Polizisten stehen da stramm,  hohe Würdenträger mit vielen Lametta auf der Schulter sitzen, und eine Kapelle wartet auf ihren Einsatz. Es werden Hände geschüttelt und offensichtlich auch Interviews gemacht aber den Sinn der Veranstaltung vermag ich nicht zu erkennen. 








Als ich dann losgeht, nehmen die Soldaten Haltung an und nehmen (sehr beunruhigend) ihre Maschinenpistolen in den Anschlag. Dann kommen aus dem Präsidium weitere Würdenträger und einer davon trägt einen Grubenhelm. Ich gehe nun, weil dann die Reden anfangen.









Auf dem zentralen Markt ist es erstaunlich ruhig, nur außen herum laufen viele Leute geschäftig hin und her. Leider fängt es wieder an zu regnen.


Das nehme ich zum Anlass, mir eine Jacke zu kaufen. Ich habe eine eigentlich auch schöne rote Jacke dabei, aber sie ist nichts für Regen. Und eigentlich brauche ich etwas, was ein bisschen wärmt UND gleichzeitig vor Regen schützt. 


Deshalb wird meine rote Jacke, die mich schon lange begleitet hat, in Bolivien bleiben . Und dann begegne ich noch mehr Festivitäten. Dieser Wettlauf der jungen und jetzt ziehen großen Mengen von Schülern mit den Abzeichen ihrer Schule durch die Straßen. Später ehe ich auch noch Schülerinnen.






Es ist sowieso alles sehr eng hier und das Verkehrschaos wird immer schlimmer.

Auf dem Markt finde ich dann eine Comida, wo man auch einen Salat bekommen kann. Das erkläre ich der Frau. Ich habe auch ganz deutlich gesagt „nur Salat“ aber das war dann Salat mit Reis und einer Kartoffel und dann noch etwas, was ich nicht identifizieren konnte. Aber man konnte es essen und es war wieder so eine Kleinigkeit, die einem weiterhilft. 


Ich bin dann noch Geld ziehen gewesen und konnte feststellen, dass die Geldautomat hier keine Karte mehr benötigt, sondern dass man hier auch per Handy abheben kann. Nicht schlecht! 


Der Regen vorhin hatte es nicht ernst gemeint, es war nur ein paar Tröpfchen, aber mittlerweile ist es ganz schön kalt geworden. Es ist windig und so richtig schwitzen tue ich mittlerweile nicht mehr.

Aber ich gebe zu, ich bin ein bisschen um. Etwas schlapp und antriebslos, das kann schon ein bisschen mit der Höhe zusammenhängen. Ich habe allerdings auch letzte Nacht schlecht geschlafen und ehrlich gesagt, geht mir der Regen ein bisschen auf den Geist. Am frühen Nachmittag hat es wieder angefangen Und ich hatte dieses neue Cape dabei, das war auch erst mal so okay, nur die Ärmel sind sehr, sehr kurz. Aber wenigstens bleibe ich halbwegs trocken.




Ich habe mich dann doch noch entschieden, zur Kathedrale zu gehen. Sie ist natürlich in der Plaza und es ist ein beeindruckendes Gebäude. Auch hier ist es so, dass man nicht in die Kathedrale reingehen kann, sondern muss in ein Museum gehen. Also gehe ich um das Gotteshaus herum und finde dahinter den kleinen Eingang des Museums. 


Der junge Mann, der da sitzt, ist sichtlich überrascht, einen Besucher zu sehen. Ich sage ihm, dass ich gern die Kathedrale und auch den Turm sehen würde. Er knöpft mir 20 Bolivanos ab und zu meiner Überraschung verlassen wir beide zusammen sein Büro, und er schließt es hinter sich ab. Dann gehen wir durch einen Innenhof über einen Hintereingang in die Kathedrale. 








Sie ist nichts mehr groß, aber recht prunkvoll geschmückt. Im Seitenschiff gibt es einige Seitenaltäre, er macht mich darauf aufmerksam, dass zwei davon aus der ursprünglichen Kathedrale aus dem Jahr 1564 sind. Dann machen wir uns auf, den Turm zu besteigen. 


Welcher Teufel hat mich da geritten… 


Die Stufen sind sehr hoch und es ist mehr Klettern als Treppensteigen. Es ist keine Wendeltreppe, sondern die Stufen gehen rechteckig. 


Ich tue erst mal so, als ob mir das alles nichts ausmacht, aber als ich dann keine Luft mehr kriegte, bin ich doch stehen geblieben. 

Hab ich gesagt, dass die Türme relativ hoch sind? Sie sind es. 

Als ich dann oben im Glockenturm ankam, war mit Atmen nicht mehr viel los. Ich habe mich erst mal an die Brüstung gestellt und nur geatmet. 

Ich glaube auch, ich habe mehr ein- als ausgeatmet. Das war echt hart. 

Aber der Typ lachte und sagte, das sei normal. 












Von hier oben hat man wirklich einen tollen Blick über die Stadt und auf den Silberberg. Und dann taute mein Führer auf und fing an, mir viele interessante Dinge über die Stadt und über die Geschichte zu erzählen. Ich hatte also ungewollt eine Führung bekommen. Er kannte sich in der Geschichte recht gut aus und konnte viele überraschende Details berichten.

Zum Beispiel besteht die große Glocke zu einem erheblichen Teil aus Gold und Silber und wiegt achteinhalb Tonnen.




Oder auch,  dass auf der Plaza oft Demonstrationen sind, bei denen auch schon mal ein bisschen Dynamit im Spiel sein kann. Deshalb hält man (weil man nie weiß wann so eine Demonstration stattfindet) die Türen der Kathedrale geschlossen, weil dann das Risiko für die Fenster geringer ist.






 Lustig war auf eine Geschichte von einer einem aufklappbaren Beichtstuhl. Er ist zwar fest montiert an der Wand, aber sieht nur aus wie ein flacher Schrank und nimmt so wenig Platz weg. Bei der Konstruktion hat man aber übersehen, was an dieser Stelle eine gute Akustik war. Wenn dann der Beichtstuhl in Betrieb war, konnten auch die anderen Leute in der Kirche recht gut mithören, was so gewesen ist letzten Wochen. 

Bevor ich ging, haben wir uns noch ein bisschen über dies und jenes unterhalten und haben uns dann per Handschlag verabschiedet. Das war wirklich mal eine individuelle Führung.




Als ich rauskam, nieselt es nur ganz leicht und ich bin noch zum Supermarkt gegangen. Ich habe aber alles, was ich da gekauft habe, auch bezahlt. Am Eingang habe ich nämlich Fotos gesehen von Leuten, die Hausverbot hatten, weil sie genau das nicht getan haben . Auf dieser Ehrentafel wollte ich nicht stehen.


 

Kommentare

  1. Von deiner Perspektive aus betrachtet, bietet die Stadt eine besondere Atmosphäre.

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