Sonntag, 6.4.2025 Verrücktes La Paz
Mein erster Besuch galt der Kirche San Francisco. Als ich reingehen wollte, wurde ich von einem Wachmann mit einem riesigen Schlagstock angehalten. Er war aber sehr freundlich, wies mich darauf hin, dass während der Messe die gerade stattfand, Besucher nicht so gerne gesehen seien. Außer, ich würde mich hinsetzen. Wenn ich mir die Kirche ansehen wollte, sollte ich das doch nach 13:00 Uhr machen. Wieder einmal ein sehr, sehr freundlicher Bolivianer, der mit sehr freundlichen Worten sagt, wie die Regeln sind. Das ist ok und wie man so sagt: der Ton macht die Musik. Ich habe mich dann auch ebenso freundlich von ihm verabschiedet und ihm einen schönen Tag gewünscht.
Der Plaza Murillo ist umrundet von beeindruckenden Gebäuden, allen voran der Präsidentenpalast. Davor stehen Wachen in historischen Kostümen, aber sicherheitshalber stehen auch noch zwei Soldaten aus der heutigen Zeit dabei. Und um ganz sicher zu gehen, steht hinter der Plaza noch ein Auto mit Wasserwerfer und einem Schild vorne dran, dass hervorragend für Einsätze bei Demonstrationen geeignet ist. Der Präsident geht also auf Nummer sicher.
Als ich an dem Platz bin, ist es gerade mal kurz nach zehn und in der Sonne ist es zumindest mit Sweatshirt unerträglich warm. Die Bolivianer und auch die anderen Südamerikaner haben ein komplett anderes Verhältnis zu Tauben als wir. Dieser Platz ist auch wieder übersäät mit Tauben, und es gibt mehrere Stände, wo Futter verkauft wird und die Leute füttern Sie. Die Tauben haben sich daran gewöhnt und setzen sich auf Schultern, Arme und Kopf der Leute die sie füttern, für mich wäre das absolut ekelhaft.
Die Kathedrale, die hier auch am Platz steht, ist riesig hoch. Ich schätze das Mittelschiff locker auf 30 m und der Lichtdom ist wahrscheinlich noch mal knappe 10 m höher. Die Seitenaltäre sind unglaublich kunstvoll geschaffen und sehr prächtig. Auch die Glasfenster sind fantastisch.
Jetzt will ich mal zu einem Aussichtspunkt.
Es geht wieder mit der Seilbahn nach oben und die Stadt leuchtet in der hellen Sonne. Es ist einfach interessant, auf die Häuser runterzuschauen und ein Stückchen das normale Leben mitzubekommen. Es gibt ja irgendwie nichts besseres, als ein Seilbahn, um die Stadt ein wenig kennenzulernen.
Schon mal umgestiegen mit einer Seilbahn in einer südamerikanischen Großstadt? Ich auch nicht. Ich fahre erst zu der Station, wo ich gestern schon mal gewesen bin und hier muss ich eine andere Linie nehmen. Die Stationen sind alle ultramodern und extrem sauber. Ich finde auch die andere Linie , aber als ich durch das Drehkreuz gehen will, geht es nicht auf.
Eine junge Frau, die als Sicherheitskraft da war, guckte auf mein Ticket und sagte, ich müsste wieder runter auf die andere Seite. Ich hatte auf der unteren Etage aber nirgendwo meine Linie gesehen, und so ging ich erst mal ein paar Schritte in Richtung Treppe. Aber dann dachte ich, ich geh wieder zurück und erkläre ihr genau wo ich hin will. Aber ich hatte keine drei Schritte getan, da kam sie mir auch schon entgegen und sagte vehement, nein, zum Mirador muss ich eine Etage tiefer.
Und so war es dann auch. Diese Linie geht ziemlich dicht über die Häuser und da es hier offensichtlich nicht mehr höher geht,ist sie auch einigermaßen waagerecht. Wenn man hier aussteigt, und das gilt für jede Station, kommt immer meistens eine Frau und macht die Gondel sauber.
Wahrscheinlich haben die aus Corona viel gelernt. Wir fahren mit der Bahn ziemlich dicht an der Bergkante entlang, und hier stehen viele einfache Häuser.
Aus meiner Zeit in Wuppertal weiß ich, dass Wohnungen mit Blick übers Tal immer sehr beliebt waren, und ich hatte das auch mal gehabt und fand das sehr genial, wenn man abends die Lichter gesehen hat.
Aber es ist etwas mutig, das hier mit Wuppertal zu vergleichen. Auf dem Weg zum Mirador komme ich an einigen Sportplätzen vorbei, wo natürlich Fußball gespielt wird. Es sind relativ kleine Betonplätze und die Verletzungsgefahr muss unglaublich hoch sein. Aber es wird mit Enthusiasmus gespielt.
Später komme ich an einer kleinen Lücke zwischen den Häusern vorbei, wo es quasi ins Nichts geht. Ich gehe ein paar Meter rein, da sind aber Treppen, aber trotzdem fällt der Berg da sehr steil ab und mehrere 100 m unter mir liegt La Paz.
Ich fürchte, auch heute werde ich wieder zu viele Fotos machen. Gestern waren es über 150. Aber es sind alles Eindrücke, die irgendwie besonders sind und dann kann ich nicht anders.
Der Weg, den ich gehe, ist langweilig. Hier ist nichts, nur ein paar Häuser und ein paar Gewerbehöfe, die aber offensichtlich geschlossen sind. Dafür geht es nicht bergauf, auch was schönes. Bis zu dem Aussichtspunkt finde es anderthalb Kilometer, bei dem schönen Wetter und wie gesagt, ohne Berge ist das ein schöner Spaziergang.
Ungefähr 280 m vor dem Ziel musste ich links abbiegen. Das war nicht schön. Während ich die ganze Zeit in der Waagerechten gelaufen bin, ging es hier sehr steil runter. Schon das bergab gehen war schwierig, wurde aber belohnt durch den Blick auf den Mirador.
Es ist eine kleine, dreieckige Plattform, die auf einer Felsenspitze gebaut worden ist. Gesichert wird man in dieser Höhe durch ein hüfthohes Geländer und sonst nichts.
Aber der Blick ist unbeschreiblich.
Unten liegt ausgebreitet riesig groß La Paz und dahinter die Berge. Ich gehe von einer Seite zur anderen Seite, blicke nach links nach rechts nach hinten nach vorne.
Es ist unglaublich.
Und natürlich, ein Mirador ist nichts weiteres als ein Punkt, wo man gucken kann und wenn man geguckt hat, muss man wieder zurück.
Das bedeutet 280 m den Berg hoch. Ich schaffe es da tatsächlich mit nur einer circa zweiminütigen Pause, aber als ich oben angekommen bin, war ich ziemlich „um“. Es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder normal atmen konnte. Aber gelohnt hat es sich doch.
Der Mirador hat aber außer seiner Funktion auch eine Bedeutung. Es ist ein heiliger Ort. Der Name ist Tupac Catari Mirador. Tupac Catari war Führer einer großen Widerstandbewegung der Indios gegen die Spanier 1781. Er hat zwei mal mit 40.000 Kämpfern La Paz belagert, wurde aber auch beide Male geschlagen und anschließend gevierteilt.
Der Rückweg war unspektakulär und als ich wieder in meiner Station angekommen war, war es kurz vor eins. Die letzten Male, als ich durch diese Gegend spaziert bin, sind mir immer die Ceviche Läden aufgefallen. Aber es war immer eine doofe Zeit, entweder früh morgens oder am späteren Nachmittag, da habe ich dann keinen Appetit. Heute ist das anders.
Getoastete Bergsteinkäfer
Ich will nicht hoffen, dass das hier die Basis für meine Ceviche war…
Ich habe Ceviche in Peru kennengelernt und bin seitdem relativ verrückt danach. Ich bin dann in eine kleine, unordentlich wirkende Cevicheria gegangen und habe dort sehr leckeren Fisch bekommen. Schade, dass ich morgen schon abreisen und schade, dass die abends nicht aufhaben. Sonst hätte ich hier einen zweiten Wohnsitz eingerichtet
Nach einer kurzen Pause machte ich mich auf den Weg zur Zentralstation der Eisenbahn. Der eigentliche Grund war: ich wollte noch ein bisschen mit der Seilbahn fahren.
Also ging ich wieder zu meiner Station am Obelisken, kaufte ein Ticket und fuhr dann eine Station hoch auf den Rand des Tals nach El Alto. Jetzt passiert das, wo meine Frau unheimlich gerne dabei gewesen wäre: die Bahn blieb stehen.
Ich gebe zu, es war ein bisschen unangenehm, weil sie normalerweise sehr ruhig und weich läuft aber in dem Augenblick, wo sie stehen blieb, fing sie an, ein bisschen hoch und runter zu schwingen. Das ist vielleicht nicht für jeden Magen etwas. Aber nach vielleicht 2 Minuten ging es auch schon mit einem leichten Rucken weiter und dann kamen wir an dem nächsten Umsteigepunkt an.
Das ist nur ein kleiner Teil des Marktes
Hier gab es zwei Dinge, die besonders waren: einmal der größte Markt in der Stadt, über den wir fuhren, und der wirklich endlos war.
Dann könnte ich aus dem Fenster draußen Menschen sehen, die in einer gut 200 oder 300 m langen Schlange offensichtlich in die Seilbahnstation wollten.
Wow!
Wie es sich herausstellte, war es genau meine Linie. Aber ich habe mich als unwissender Tourist ein ganz kleines bisschen vorgepfuscht und war dann auch dank der ausgezeichneten Organisation hier nach zwei Minuten in der Gondel.
Es ist wirklich ein sehr effektives und effizientes Verkehrsmittel, um Leute sehr schnell durch die Stadt zu befördern. Ich hatte natürlich kurz überlegt, bei dem Markt doch noch auszusteigen, aber bei dem Wetter ist das nicht ganz so spaßig. Mit der letzten Bahn, der roten Linie, fahre ich zwei Stationen und komme auch am Zentralfriedhof vorbei. Von oben kann man gut die vielen Kolumbarium sehen. Aber auch ein Friedhof macht bei dem Wetter nicht wirklich Freude.
Es ist ein seltsames Gefühl, so über die Stadt zu schweben. Denn das sind die zwei Bewegungen, die man macht, entweder steil einen Berg hoch oder runter oder halbwegs waagerecht über die Häuser hinweg.
Ich komme mir ein bisschen vor wie ein Voyeur, der die Menschen von oben beobachtet.Aber es ist auch eine unheimlich interessante Perspektive.
An dem alten Bahnhof steht ein Personenwaggon, den man als Café umgebaut hat. Das ist natürlich für mich der richtige Punkt um ein kleines Nachmittagspäuschen zu machen.
Jetzt stellt sich nur noch die Frage wie ich wieder zurückkomme. Entweder ich fahre die gleiche Strecke noch mal jetzt mal andersherum oder ich gehe zu Fuß. Es ist sehr praktisch, dass Google Maps nicht nur die Richtung zeigt, sondern auch welches Gefälle man zu erwarten hat.
Ich hatte ursprünglich vorgehabt, sowieso zu Fuß hier zu gehen, aber die 90 m bergauf und 6 m bergab laut Google schienen mir dann nicht so attraktiv. Theoretisch müsste auf dem Rückweg es jetzt ziemlich oft bergab gehen und nur 6 m bergauf. Das kriege ich hin. Jetzt muss ich es nur noch entscheiden.
Da es nur noch leicht tröpfelte, habe ich mich entschlossen, doch zu Fuß zu gehen. Der erste Teil der Strecke führte durch eine Gegend, durch die man in Südamerika als Tourist nicht gehen sollte. Kahle, unbewohnte Straßen mit Gewerbegebäuden. Aber dann kann ich auch schon sehr bald an einen Kreisverkehr, auf dem der Teufel los war.
So lobe ich mir das.
An einem kleinen Stand habe ich mir dann Chicharron geholt, zugegebenermaßen nicht, weil ich Hunger hatte, sondern einfach, weil es so lecker aussah.
Weiter ging es durch kleine Straßen. Und es war wirklich so, wie es Google versprochen hatte. Es ging viel bergab und wenig bergauf, obwohl das bergab gehen auch nicht immer schön ist. Aber so habe ich dann doch wieder etwas von La Paz gesehen und es bestätigt meinen ersten Eindruck: es ist eine unglaublich chaotische Stadt.
Ein solcher Ort ist nichts für Menschen mit Klaustrophobie.
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